
GESCHICHTEN AUS DEM COACHING
Wenn Fürsorge für andere bedeutet,
sich selbst zu vergessen
Ich verstehe es nicht. Ich bekomme so viel Dankbarkeit und trotzdem fühle ich mich manchmal leer.
„Ich verstehe es nicht.“ Anna schaut kurz auf ihre Hände, bevor sie wieder aufblickt. „Eigentlich müsste ich doch glücklich sein.“ Sie lächelt ein wenig. „Ich habe Menschen in meinem Leben, die mir wichtig sind. Ich bekomme so viel zurück. Meine Freunde sagen mir oft, wie dankbar sie sind, dass ich immer für sie da bin.“ Sie macht eine kurze Pause. „Aber manchmal fühle ich mich trotzdem so leer.“
Dieser Satz bleibt einen Moment im Raum. Nicht, weil er ungewöhnlich wäre, sondern weil er einen inneren Widerspruch beschreibt, den viele Menschen kennen: Wie kann etwas, das sich richtig anfühlt, gleichzeitig Kraft kosten? Wie kann Fürsorge, Nähe und Verbundenheit etwas sein, das erfüllt und trotzdem dazu führen, dass man sich selbst aus dem Blick verliert?
Anna ist Ende 20. Sie ist eine herzliche, offene und empathische junge Frau. Eine Person, bei der andere schnell das Gefühl haben: Hier darf ich einfach sein. Sie hört aufmerksam zu. Sie nimmt wahr, wenn jemand stiller wird. Sie spürt oft, wenn etwas nicht stimmt, bevor der andere es überhaupt ausspricht. Anna ist der Mensch, den man nachts um drei anrufen kann. Nicht, weil sie immer eine perfekte Lösung hat, sondern weil sie da ist. Weil sie zuhört. Weil sie einem das Gefühl gibt: „Du musst da gerade nicht alleine durch.“
In ihrem Freundeskreis ist sie häufig diejenige, an die andere denken, wenn das Leben schwierig wird. Eine Trennung. Eine berufliche Krise. Eine schwierige Entscheidung. Ein Moment, in dem jemand einfach jemanden braucht, der zuhört. Und Anna macht das gerne.
Genau das macht ihre Situation so interessant, denn sie kommt nicht ins Coaching, weil sie diese Seite an sich verändern möchte. Sie möchte nicht weniger herzlich sein. Sie möchte nicht lernen, weniger zu fühlen. Sie möchte verstehen, warum sie trotz all der Nähe und Dankbarkeit manchmal das Gefühl hat, selbst nicht mehr richtig vorzukommen.
„Ich mache es einfach“
„Wenn du an Situationen denkst, in denen andere Menschen deine Unterstützung brauchen“, frage ich Anna, „was passiert dann normalerweise?“ Sie überlegt. „Eigentlich geht alles ziemlich schnell.“
„Was meinst du damit?“
Sie lächelt. „Ich denke gar nicht lange darüber nach.“
Sie erzählt von ihrem Alltag. Eine Freundin meldet sich, weil sie gerade eine schwierige Phase durchmacht. Anna nimmt sich Zeit. Ein Kollege wirkt überfordert. Anna bietet Unterstützung an. Jemand aus ihrem Umfeld hat ein Problem. Anna beginnt automatisch mitzudenken.
„Das klingt zunächst nach etwas sehr Positivem“, sage ich.
Anna nickt. „Ja. Das ist es ja auch.“ Sie schaut nachdenklich. „Ich will ja helfen.“
Und genau hier liegt der wichtige Punkt. Es geht nicht darum, dass Anna nicht Nein sagen kann. Es geht nicht darum, dass sie keine Grenzen kennt. Sie besitzt eine Fähigkeit, die viele Menschen sehr schätzen: Sie kann sich auf andere Menschen einlassen. Die entscheidende Frage lautet: Wann wird aus freiwilliger Fürsorge ein inneres Gefühl von Verantwortung?
Einige Minuten später erzählt Anna von einer Situation, die ihr besonders im Gedächtnis geblieben ist. Sie hatte eigentlich einen Abend für sich geplant. Kein voller Terminkalender. Keine Verpflichtungen. Einfach Zeit zum Abschalten. „Und dann kam eine Nachricht von einer Freundin.“
„Was ist passiert?“ frage ich.
„Sie hatte gerade Probleme mit ihrem Partner. Es ging ihr richtig schlecht.“ Anna zuckt leicht mit den Schultern. „Also habe ich natürlich angerufen.“
Das Wort „natürlich“ fällt auf. Nicht, weil es falsch wäre, sondern weil es so selbstverständlich klingt. „Was bedeutet dieses ‚natürlich‘ für dich?“, frage ich.
Anna denkt nach. „Dass man das eben macht, wenn jemand einen braucht.“ Sie schaut kurz auf. „Oder nicht?“
Der Moment, in dem das Muster sichtbar wird
In einer der nächsten Sitzungen passiert etwas, das Anna selbst überrascht. Sie erzählt gerade davon, wie schwer es ihr fällt, die eigenen Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen wie die anderer. Ihr Handy liegt neben ihr auf dem Tisch. Während sie spricht, vibriert es. Anna schaut kurz auf das Display. Eine Nachricht von einer Freundin: „Hey Anna, ich weiß, du hast bestimmt viel um die Ohren. Aber mir geht es gerade nicht so gut. Hast du kurz Zeit zum Telefonieren?“
Für einen Moment verändert sich ihr Gesichtsausdruck. Es ist nur eine kleine Bewegung. Ein kurzer Blick. Aber er ist sichtbar. „Interessant“, sage ich.
Anna schaut mich an. „Was?“
„Was ist gerade passiert, als du die Nachricht gelesen hast?“
Sie blickt noch einmal auf ihr Handy, dann lächelt sie leicht. „Ich habe sofort gedacht: Natürlich rufe ich sie an.“
„Noch bevor du darüber nachgedacht hast, ob du gerade selbst Kapazität dafür hast?“
Anna wird still. „Ja.“ Sie schaut überrascht. „Das passiert wirklich automatisch.“
„Und was kam danach?“ frage ich.
Sie überlegt. „Danach kam der Gedanke: Eigentlich hatte ich heute selbst einen ziemlich vollen Tag.“ Sie schüttelt leicht den Kopf. „Das ist komisch. Ich merke gerade, dass ich mich selbst erst danach einbeziehe.“
Wir bleiben bei diesem Moment, denn genau dort zeigt sich etwas Wichtiges. Nicht in großen Entscheidungen. Nicht in dramatischen Situationen. Sondern in diesem kleinen Augenblick zwischen einer Anfrage und ihrer Reaktion.
Ich frage: „Was passiert innerlich, bevor du hilfst?“ Anna denkt nach. „Ich nehme wahr, dass jemand mich braucht.“
„Und dann?“
Sie schaut nach unten. „Dann habe ich das Gefühl, dass ich etwas tun sollte.“
„Was wäre das Schwierige daran, nichts zu tun?“ Die Antwort kommt nicht sofort, dann sagt sie leise: „Ich glaube, ich hätte ein schlechtes Gefühl.“
„Was für ein Gefühl?“
Anna überlegt. „Vielleicht Schuld.“ Eine Pause. „Als würde ich jemanden im Stich lassen.“
Wo dieses Muster entstanden ist
In den nächsten Sitzungen schauen wir nicht nur darauf, was Anna heute tut. Wir schauen darunter, denn Verhalten entsteht selten zufällig. Oft sind es genau die Fähigkeiten, die uns heute auszeichnen, die irgendwann einmal eine wichtige Funktion hatten. Bei Anna zeigt sich schnell: Ihre Fürsorge für andere ist nicht einfach eine Gewohnheit. Sie gehört zu ihrer Geschichte.
„Wenn du an deine Kindheit zurückdenkst“, frage ich sie, „gab es Situationen, in denen Sie besonders aufmerksam dafür waren, wie es anderen Menschen geht?“ Anna muss nicht lange überlegen. „Ja.“
Sie erzählt von ihrer Familie. Anna ist mit einem älteren Geschwisterkind aufgewachsen, das aufgrund einer Erkrankung immer wieder besondere Unterstützung brauchte. Es gab Phasen, in denen vieles in der Familie um diese Situation herum organisiert werden musste. Anna erinnert sich nicht daran, dass jemand zu ihr gesagt hätte: „Du bist verantwortlich.“ Es war viel subtiler. Sie nahm wahr. Sie spürte. Sie passte sich an. „Ich glaube, ich habe ziemlich früh gemerkt, wann meine Eltern gestresst waren“, erzählt sie. „Ich wusste irgendwie, wann ich besser nicht noch mit einem eigenen Problem kommen sollte.“ Sie sagt diesen Satz ganz ruhig. Fast so, als wäre es eine völlig normale Erfahrung gewesen. Aber genau darin liegt etwas Entscheidendes. Anna hatte früh gelernt, die Atmosphäre um sich herum zu lesen. Sie hatte gelernt:
- Wenn ich aufmerksam bin, kann ich helfen.
- Wenn ich mitdenke, wird es leichter.
- Wenn ich unterstütze, entsteht Entlastung.
Und diese Fähigkeit wurde auch gesehen.
Anna erinnert sich: „Ich war immer die Vernünftige.“ „Diejenige, die Verständnis hatte.“ „Diejenige, die nicht noch zusätzlich schwierig war.“ Diese Rückmeldungen waren nicht falsch. Im Gegenteil. Sie beschrieben echte Stärken. Anna ist tatsächlich ein empathischer Mensch. Sie kann sich einfühlen. Sie gibt anderen Sicherheit. Sie ist jemand, auf den man zählen kann. Doch manchmal entsteht aus einer Stärke eine innere Regel, die irgendwann zu eng wird. Bei Anna könnte diese Regel lauten: „Ich bin dafür verantwortlich, dass es anderen gut geht.“
Die unsichtbare Grenze zwischen Mitgefühl und Verantwortung
Im Coaching betrachten wir diese innere Regel genauer, denn auf den ersten Blick klingt sie sogar sehr positiv. Wer möchte nicht, dass es Menschen, die einem wichtig sind, gut geht? Die Schwierigkeit liegt nicht in dem Wunsch, für andere da zu sein. Die Schwierigkeit entsteht dort, wo aus einem Wunsch eine Verpflichtung wird. Wo aus einem freiwilligen Ja ein inneres Muss entsteht.
„Was denkst du über dich selbst, wenn jemand Hilfe braucht und du nicht hilfst?“, frage ich Anna. Sie überlegt. „Ich glaube, ich wäre enttäuscht von mir.“
„Warum?“
Sie schaut nachdenklich. „Weil ich das Gefühl hätte, dass ich etwas hätte tun können.“
„Und ist es immer deine Aufgabe, etwas zu tun?“
Anna schweigt. Diese Frage scheint ungewohnt zu sein. Nicht, weil sie sie nicht versteht, sondern weil sie diese Unterscheidung bisher kaum getroffen hat. Für Anna gab es lange Zeit nur einen direkten Weg: Jemand braucht Unterstützung: Ich kann helfen, also helfe ich.
Was dazwischen fehlte, war ein bewusster Moment der Wahl. Der Moment, in dem sie innehalten konnte und sich fragen durfte: „Möchte ich helfen oder glaube ich, helfen zu müssen?“
Eine weitere Perspektive
Nach dieser Sitzung beschäftigt Anna die Frage weiter. „Ich habe das Gefühl, ich verstehe langsam, was passiert“, sagt sie. „Aber gleichzeitig ist es schwer, das alleine zu greifen.“
Sie möchte ihren Prozess noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten. Gemeinsam entscheiden wir, eine zusätzliche Reflexion mit dem Reflecting Team einzubeziehen. Nicht, um eine Bewertung über Anna abzugeben. Nicht, um eine fertige Erklärung über sie zu legen, sondern um weitere Blickwinkel auf das Muster zu eröffnen. Zwischen den beiden Coaching-Sitzungen bringe ich Annas Prozess in mein Reflecting Team ein. In einer Online-Konferenz tausche ich mich mit zwei erfahrenen Kolleginnen aus. Beide verfügen über einen verhaltenstherapeutischen Hintergrund; eine Kollegin arbeitet zusätzlich mit einer systemischen Perspektive.
Sie kennen Anna nicht persönlich. Sie betrachten ausschließlich die Situationen, die im Coaching sichtbar geworden sind, und die inneren Zusammenhänge, die daraus entstehen. Nach einer Weile entsteht eine ruhige Gesprächsatmosphäre. Eine Kollegin sagt: „Was mir auffällt: Anna wirkt nicht wie jemand, der einfach lernen muss, Nein zu sagen.“
Sie macht eine kurze Pause. „Ihre Fähigkeit, andere wahrzunehmen, scheint eine echte Ressource zu sein.“
Die zweite Kollegin ergänzt: „Mich beschäftigt eher die Frage: Wann wird aus Fürsorge eine Zuständigkeit?“ Dieser Satz bleibt im Raum. Sie fährt fort: „Vielleicht liegt die Herausforderung nicht darin, weniger für andere da zu sein. Vielleicht liegt sie darin, unterscheiden zu lernen: Was gehört zu mir und was gehört zum anderen Menschen?“
Wir sprechen über den Moment mit der Nachricht der Freundin. Über Annas spontane Reaktion und über diesen schnellen inneren Wechsel: Der andere braucht etwas, also muss ich handeln.
Eine Kollegin formuliert schließlich: „Vielleicht hat Anna sehr früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Und jetzt darf sie lernen, Verantwortung bewusster zu wählen.“ Dieser Satz beschreibt etwas Wesentliches: Es geht nicht darum, Verantwortung abzulegen. Es geht darum, sie zurück in Annas Hände zu geben.
Die Rückkehr ins Coaching
In der nächsten Sitzung teile ich Anna die Gedanken aus dem Reflecting Team mit. Nicht als fertige Antwort, sondern als Einladung. „Ich würde gerne schauen, was davon für dich stimmig ist.“ Anna hört aufmerksam zu. Dann sage ich: „Eine Frage, die im Team aufgekommen ist, war: Was ist der Unterschied zwischen für jemanden da sein und für jemanden verantwortlich sein?“
Anna wird still. Sie wiederholt den Satz leise: „Für jemanden da sein … und für jemanden verantwortlich sein.“ Sie lässt die Worte einen Moment wirken, dann nickt sie langsam. „Ich glaube, ich habe das wirklich verwechselt.“ Eine Pause. „Ich dachte immer: Wenn ich jemanden liebe oder wenn mir jemand wichtig ist, dann bedeutet das, dass ich auch dafür sorgen muss, dass es ihm gut geht.“ Sie schaut auf. „Aber vielleicht ist das gar nicht dasselbe.“ Genau hier beginnt eine neue Perspektive. Nicht die Erkenntnis, dass Anna zu viel gibt. Sondern die Erkenntnis, dass sie bisher eine Verantwortung getragen hat, die größer war, als sie sein musste. Ihre Empathie ist nicht das Problem.
Ihre Fürsorge ist nicht das Problem. Die Veränderung liegt in der Frage: Wer trägt eigentlich welche Verantwortung?
Annas Musterlandkarte - verstehen, was unter der Oberfläche wirkt
Nachdem Anna die Perspektiven aus dem Reflecting Team aufgenommen hat, schauen wir gemeinsam noch einmal auf die Situationen zurück, die sie besonders beschäftigen. Nicht, um ihr Verhalten zu bewerten, sondern um zu verstehen, welche innere Logik dahinterliegt. Ein Muster entsteht nicht einfach, es entwickelt sich. Aus Erfahrungen. Aus Momenten, die uns geprägt haben. Aus Schlussfolgerungen, die irgendwann einmal sinnvoll waren.
Gemeinsam beginnen wir, Annas Musterlandkarte sichtbar zu machen. Nicht als Bewertung, sondern als Versuch, sich selbst besser zu verstehen.
Die Erfahrung
„Wenn du auf dein Leben zurückblickst“, frage ich Anna, „was glaubst du, hat dazu beigetragen, dass Sie so aufmerksam für andere Menschen geworden sind?“ Anna denkt nach. „Ich glaube, ich habe früh gelernt, hinzuschauen.“ Sie erzählt noch einmal von ihrer Familie. Von Situationen, in denen sie spürte, wenn jemand Unterstützung brauchte. Von Momenten, in denen es hilfreich war, mitzudenken. „Ich glaube, ich habe gemerkt: Wenn ich aufmerksam bin, kann ich etwas erleichtern.“ Und genau darin liegt etwas Wertvolles. Anna hat nicht gelernt, sich selbst aufzugeben. Sie hat gelernt, eine Fähigkeit einzusetzen. Ihre Feinfühligkeit. Ihre Empathie. Ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Diese Eigenschaften sind heute ein wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit. Die Frage ist nicht, ob diese Fähigkeit gut oder schlecht ist. Die Frage ist: Wann hilft sie Anna und wann beginnt sie, sie zu belasten?
Die Grundannahme
Dann schauen wir auf den Satz, der sich wie ein roter Faden durch viele Situationen zieht. Anna liest ihn auf ihrer Musterlandkarte: „Ich bin dafür verantwortlich, dass es anderen gut geht.“ Sie bleibt eine Weile still. „Das klingt irgendwie streng“, sagt sie. Ich nicke.
„Ja. Und gleichzeitig klingt es nach etwas, das einmal sehr sinnvoll gewesen sein könnte.“
Anna schaut wieder auf den Satz, denn genau das ist der entscheidende Punkt: Eine innere Überzeugung entsteht meistens nicht zufällig. Sie entwickelt sich, weil sie uns irgendwann geholfen hat. Für Anna bedeutete diese Haltung vielleicht:
- Ich erkenne früh, was gebraucht wird.
- Ich kann unterstützen.
- Ich kann Sicherheit geben.
Doch eine Regel, die früher hilfreich war, kann später zu eng werden.
Die automatische Bewertung
Wir schauen uns konkrete Situationen aus Annas Alltag an: Eine Freundin meldet sich. Die alte innere Bewegung beginnt sofort: Sie braucht mich. Ich sollte helfen. Nicht: Habe ich gerade die Energie dafür? Nicht: Möchte ich das gerade? Nicht: Was brauche ich?
Der Unterschied ist klein und trotzdem verändert er alles. Denn zwischen einem freiwilligen Ja und einem inneren Muss liegt ein entscheidender Raum: Die eigene Wahl.
Die Gefühle
Anna erkennt auch, warum sie sich manchmal leer fühlt, denn Helfen fühlt sich zunächst gut an. Es entsteht Nähe. Verbundenheit. Das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben. Und genau deshalb ist dieses Muster so schwer zu verändern. Es bringt nicht nur Belastung, es bringt auch etwas Schönes. Doch wenn Anna ihre eigenen Bedürfnisse immer wieder nach hinten stellt, entsteht langfristig ein Ungleichgewicht. Dann tauchen Gefühle auf, die sie aus der ersten Sitzung kennt:
- Leere.
- Erschöpfung.
- Und manchmal die stille Frage: „Wer sieht eigentlich mich?“
Das Verhalten
Anna betrachtet ihr eigenes Verhalten jetzt mit einem anderen Blick:
Sie übernimmt. Sie hört zu. Sie organisiert. Sie begleitet. Aber sie erkennt: Nicht jede Unterstützung muss automatisch aus Verantwortung entstehen. Sie darf helfen, aber sie muss nicht retten. Sie darf für Menschen da sein, aber sie muss nicht deren Wohlbefinden herstellen.
Der Unterschied liegt nicht im Verhalten. Er liegt in der inneren Haltung, aus der heraus sie handelt.
Die Konsequenz
Kurzfristig hat ihr Muster funktioniert: Es hat Beziehungen gestärkt. Es hat ihr das Gefühl gegeben, wichtig zu sein. Es hat ihr ermöglicht, eine verlässliche Person für andere zu sein.
Doch langfristig hatte es einen Preis: Anna hat sich selbst in der Fürsorge für andere manchmal vergessen. Nicht, weil sie sich selbst unwichtig fand, sondern weil sie gelernt hatte, die Bedürfnisse anderer schneller wahrzunehmen als die eigenen.
Eine neue innere Haltung
Im Coaching geht es nun nicht darum, Anna beizubringen, weniger liebevoll zu sein. Das wäre auch gar nicht das Ziel. Denn ihre Wärme, ihre Empathie und ihre Fähigkeit, Menschen Sicherheit zu geben, sind keine Eigenschaften, die verschwinden sollen.
Die Frage ist: Wie kann Anna diese Stärke leben, ohne sich selbst dabei zu verlieren?
Wir suchen gemeinsam nach einer neuen inneren Haltung. Nicht als Gegenpol zur alten, sondern als Erweiterung. Aus: „Ich bin dafür verantwortlich, dass es anderen gut geht.“ wird: „Ich entscheide, wann ich Verantwortung für andere übernehme. In erster Linie ist jeder Mensch selbst für sich verantwortlich.“
Anna liest den Satz mehrmals. „Das fühlt sich ungewohnt an.“
„Was genau?“
Sie denkt kurz nach. „Dass ich helfen darf, ohne dafür zuständig zu sein, dass es dem anderen danach besser geht.“
Und genau hier verändert sich etwas. Nicht ihre Liebe zu anderen Menschen und auch nicht ihre Bereitschaft zu unterstützen. Sondern ihre Freiheit.
Eine neue Wahl wird zu einer neuen Erfahrung
Einige Zeit später erzählt Anna von einer Situation, die früher wahrscheinlich anders verlaufen wäre: Eine Freundin meldet sich und bittet um Unterstützung. Der alte Impuls ist sofort da. Dieses vertraute Gefühl: Ich muss mich kümmern. Anna kennt diesen Moment inzwischen. Früher hätte sie vermutlich sofort zugesagt. Nicht unbedingt, weil sie es wirklich wollte, sondern weil ein Nein sich falsch angefühlt hätte. Diesmal hält sie inne und sie stellt sich die Frage: „Möchte ich helfen, oder glaube ich, helfen zu müssen?“ Sie merkt: Heute reicht ihre Energie nicht aus. Also entscheidet sie sich, ehrlich zu sein. Sie schreibt ihrer Freundin: „Ich merke, dass ich heute nicht die Kraft für ein längeres Gespräch habe. Aber du bist mir wichtig. Können wir morgen in Ruhe telefonieren?“
Nachdem sie die Nachricht abgeschickt hat, wartet sie. Und genau dieser Moment ist neu, denn ein Teil von ihr rechnet noch immer damit, dass etwas passieren könnte:
- Dass ihre Freundin enttäuscht ist.
- Dass sie weniger verständnisvoll wirkt.
- Dass sie jemanden im Stich gelassen hat.
Doch genau das passiert nicht. Die Antwort ihrer Freundin ist: „Natürlich. Danke, dass du ehrlich bist. Morgen passt gut.“
In der nächsten Sitzung erzählt Anna davon. „Das Erstaunliche war“, sagt sie, „dass gar nichts Schlimmes passiert ist.“ Sie lächelt. „Sie war nicht verletzt. Sie war nicht enttäuscht.“ Eine kurze Pause. „Und ich habe mich trotzdem als liebevoll erlebt.“
Dieser Satz ist ein wichtiger Wendepunkt, denn Anna hat nicht nur etwas verstanden. Sie hat etwas erlebt. Eine neue Erfahrung überschreibt langsam die alte Erwartung. Die alte innere Regel lautete:
„Wenn ich nicht helfe, enttäusche ich Menschen.“ Die neue Erfahrung lautet: „Ich kann Grenzen setzen und trotzdem verbunden bleiben.“
Ein großes Herz braucht auch Raum für sich selbst
Anna erlebt:
- Ich bin weiterhin liebevoll, auch wenn ich Nein sage.
- Ich bin weiterhin empathisch, auch wenn ich meine eigenen Bedürfnisse berücksichtige.
- Ich bin weiterhin jemand, auf den andere zählen können, auch wenn ich nicht immer verfügbar bin.
Genau solche Erfahrungen verändern Muster nachhaltig. Nicht, weil ein alter Gedanke einfach durch einen neuen ersetzt wird, sondern weil der Mensch beginnt, sich selbst anders zu erleben. Anna ist immer noch der Mensch, den man nachts um drei anrufen kann. Aber sie ist nicht mehr der Mensch, der glaubt, jederzeit dafür verantwortlich sein zu müssen. Sie hilft nicht weniger. Sie hilft bewusster. Sie hört nicht weniger zu. Sie hört zu, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
Und vielleicht liegt genau darin der Unterschied: Früher war ihre Fürsorge manchmal eine Pflicht. Heute ist sie eine Entscheidung.
Vielleicht erkennst du dich in manchen Momenten wieder. Vielleicht bist auch du jemand, der schnell spürt, was andere brauchen. Jemand, der gerne unterstützt. Jemand, auf den andere zählen können. Diese Fähigkeit ist etwas Wertvolles. Aber vielleicht lohnt sich manchmal die Frage: „Bin ich gerade aus meinem Herzen heraus für jemanden da oder aus dem Gefühl heraus, dass ich es muss?“ Denn ein großes Herz braucht nicht weniger Mitgefühl. Es braucht nur genauso viel Aufmerksamkeit für sich selbst.
Erkennen. Verstehen. Wählen.