Die Innere Nachtschicht

GESCHICHTEN AUS DEM COACHINGPROZESS

Die innere Nachtschicht

Ein Coachingprozess über Grübeln, Kontrolle und die Angst, Fehler zu machen

„Ich muss einfach lernen, weniger zu grübeln.“

Damit ihre Geschichte greifbar bleibt und ihre Privatsphäre geschützt ist, nennen wir sie in diesem Journal Frau M.

Frau M. sitzt mir gegenüber und erzählt von etwas, das sie selbst kaum versteht.

Sie wirkt lebendig, sympathisch und offen. Eine Frau, die im Alltag viel Verantwortung übernimmt. Sie organisiert, plant und kümmert sich. Sie ist jemand, auf den andere zählen können.

Und genau deshalb passt das, was sie beschreibt, für sie selbst nicht richtig zu diesem Bild.

Denn sobald der Tag endet, passiert etwas, das sie nicht einfach abschalten kann.

Ihre innere Nachtschicht beginnt:

Der Tag ist vorbei. Die Aufgaben sind erledigt. Die Familie schläft. Eigentlich wäre jetzt der Moment, zur Ruhe zu kommen. Doch sobald es still wird, wird ihr Kopf aktiv.

Gespräche werden noch einmal abgespielt, Entscheidungen überprüft und Situationen analysiert.

01

„Habe ich das richtig gemacht?“

02

„War meine Reaktion angemessen?“

03

„Was, wenn ich etwas übersehen habe?“

Dieser Gedanke klingt zunächst logisch, denn wenn Gedanken immer wieder kreisen, scheint die Lösung naheliegend: weniger denken, mehr abschalten.

Doch genau an diesem Punkt beginnt für mich die eigentliche Arbeit. Denn bevor wir versuchen, etwas zu verändern, möchte ich verstehen:

Warum beginnt ihr Kopf überhaupt immer wieder diese Suche?

Die erste Spur: Was passiert eigentlich genau?

In unserer gemeinsamen Arbeit schauen wir nicht einfach auf das Grübeln. Wir schauen genauer hin.

Ich lade Frau M. ein, konkrete Situationen aus ihrem Alltag mitzubringen. Nicht die allgemeine Aussage „Ich grüble ständig“, sondern einzelne Momente.

Was ist passiert?

Was war der erste Gedanke?

Welche Gefühle entstanden?

Was passierte körperlich?

Und was tat sie anschließend?

Schon nach den ersten Situationen fällt Frau M. etwas auf: Das Grübeln kommt nicht einfach, weil sie gerne nachdenkt. Es taucht besonders dann auf, wenn etwas in ihr ein Warnsignal auslöst.

Wenn ein Fehler möglich erscheint. Wenn sie glaubt, etwas falsch gemacht zu haben oder wenn sie auch nur befürchtet, etwas falsch gemacht haben zu können. Aber auch, wenn sie vorsorglich überprüfen möchte, ob wirklich alles richtig war.

In einer der nächsten Sitzungen erzählt Frau M. von einer Situation, die sie selbst überrascht. Eigentlich war gar nichts Besonderes passiert. Sie hatte eine Nachricht verschickt. Die Situation war beendet, doch kurze Zeit später beginnt ihr Kopf:

„War die Formulierung richtig?“

„Hätte ich es anders schreiben sollen?“

„Könnte jemand etwas falsch verstehen?“

Sie merkt: Es geht nicht immer um tatsächliche Fehler. Oft reicht schon die Möglichkeit. Manchmal beschäftigt sich ihr Kopf sogar mit Dingen, die vielleicht irgendwann passieren könnten.

Nicht, weil sie pessimistisch ist, sondern weil ein Teil von ihr versucht, vorbereitet zu sein.

Wenn Nachdenken Sicherheit schaffen soll

Während wir diese Situationen gemeinsam betrachten, wird ein weiterer Zusammenhang sichtbar.

Nach dem ersten Zweifel entstehen bei Frau M. unangenehme Gefühle: Unsicherheit und Anspannung.

ZWEIFEL

„Was, wenn doch etwas falsch ist?“

GEFÜHL

Unsicherheit und Anspannung

REAKTION

Sie beginnt zu prüfen und sucht nach Sicherheit.

Und kurzfristig funktioniert das sogar. Wenn sie eine Situation noch einmal durchgeht, fühlt sie sich für einen Moment beruhigter. So, als hätte sie wieder Kontrolle gewonnen.

Doch genau diese kurzfristige Erleichterung hält den Kreislauf aufrecht. Ihr Gehirn lernt:

„Offensichtlich war diese Kontrolle wichtig. Sonst hätte ich sie nicht gebraucht.“

Der Moment, in dem wir tiefer schauen

Nachdem Frau M. diesen Ablauf immer besser erkennt, stelle ich ihr eine Frage:

„Wenn du tatsächlich einen Fehler gemacht hättest, was wäre daran eigentlich so schlimm?“

Zunächst bleibt sie bei der Situation.

„Dann wäre etwas falsch gewesen.“

Also gehen wir einen Schritt weiter.

„Und was würde dieser Fehler über dich bedeuten?“

Frau M. wird kurz still, denn diese Frage führt auf eine andere Ebene. Es geht nicht mehr nur um das, was passiert ist. Es geht darum, was es über sie als Person aussagen könnte.

„Vielleicht würde es bedeuten, dass man sich nicht auf mich verlassen kann.“

Wir bleiben bei diesem Gedanken. Ich frage weiter:

„Und wenn jemand dich für nicht zuverlässig halten würde, was würde das für dich bedeuten?“

Langsam wird deutlich: Ein Fehler ist für Frau M. nicht einfach nur ein Fehler. Er bedeutet nicht nur: „Etwas ist nicht perfekt gelaufen.“

Er berührt eine viel tiefere Befürchtung:

„Vielleicht bin ich nicht zuverlässig genug.“

„Vielleicht bin ich nicht verantwortungsvoll genug.“

„Vielleicht habe ich versagt.“

Der eigentliche Schmerz liegt also nicht in dem Fehler selbst, sondern in der Bedeutung, die dieser Fehler für sie bekommt.

Woher kommt diese Bedeutung?

In den nächsten Sitzungen schauen wir gemeinsam zurück. Nicht, um einen Schuldigen zu finden, sondern um zu verstehen.

Frau M. erkennt schnell, dass es nicht diesen einen Moment gibt, der alles erklärt. Es waren viele kleine Erfahrungen und Situationen, in denen sie gelernt hatte, Fehler möglichst zu vermeiden.

Es waren vielleicht Blicke oder Reaktionen sowie Momente, in denen sie das Gefühl bekam: „Das hätte besser laufen müssen.“

Für ein Kind sind solche Situationen nicht einfach nur einzelne Ereignisse. Es versucht zu verstehen: „Was bedeutet das über mich?“

Und über viele Erfahrungen hinweg kann daraus eine innere Überzeugung entstehen:

„Ich darf keine Fehler machen.“

Dabei geht es nicht darum, Eltern die Schuld zu geben. Solche Muster entstehen nicht absichtlich. Niemand entscheidet sich bewusst dazu, einem Kind eine belastende Überzeugung mitzugeben.

Es ist meistens ein Zusammenspiel aus vielen Faktoren: der eigenen Geschichte, den damaligen Belastungen, den Erwartungen und der Beziehung zueinander.

Der Sinn dieser Arbeit ist nicht, jemanden verantwortlich zu machen. Der Sinn ist, Zusammenhänge zu verstehen.

Neue Erfahrungen verändern alte Überzeugungen

Nachdem Frau M. diese Zusammenhänge verstanden hat, beginnt der nächste Schritt.

Denn Verstehen allein reicht nicht immer. Eine alte Überzeugung verändert sich nicht nur dadurch, dass wir sie erkennen. Sie verändert sich durch neue Erfahrungen.

Also beginnt Frau M., im Alltag kleine Experimente zu machen:

01

Sie verschickt eine E-Mail, ohne sie mehrfach zu kontrollieren.

02

Sie lässt kleine Unperfektheiten stehen.

03

Sie hält die Unsicherheit aus, ohne sofort wieder nach Sicherheit zu suchen.

Und in der nächsten Sitzung erzählt sie:

ALTE ÜBERZEUGUNG

„Ich darf keine Fehler machen.“

NEUE ERFAHRUNG

„Es war unangenehm. Aber es ist nichts passiert.“

Genau diese Erfahrungen sind entscheidend. Wir schauen gemeinsam: Ist wirklich eingetreten, wovor die alte Überzeugung gewarnt hat?

Wurde sie abgelehnt? Hat jemand ihr Vertrauen verloren? Wurde sie als unverantwortlich wahrgenommen? Oder hat ihr Gehirn eine alte Gefahr erwartet, die heute gar nicht mehr existiert?

Mit jeder neuen Erfahrung bekommt Frau M. eine neue Information. Ein Fehler bedeutet nicht automatisch Ablehnung. Unperfekt sein bedeutet nicht, weniger wert zu sein.

Und Sicherheit entsteht nicht immer dadurch, dass wir alles kontrollieren.

Was unter der Oberfläche sichtbar wurde

Am Ende dieser gemeinsamen Arbeit geht es nicht darum, dass Frau M. nie wieder grübelt. Das wäre auch gar nicht das Ziel. Gedanken gehören zum Menschsein.

Der entscheidende Unterschied ist: Sie versteht heute besser, was in ihr passiert. Sie erkennt das alte Muster früher. Und sie kann bewusster entscheiden, ob sie ihm folgen möchte.

Das Grübeln wurde nicht leiser, weil sie gelernt hat, gegen ihre Gedanken zu kämpfen.

Es wurde leiser, weil die Grundannahme darunter ihre Macht verloren hat. Eine Überzeugung, die irgendwann einmal Schutz gegeben hatte, aber heute nicht mehr dieselbe Aufgabe erfüllen musste.

Genau dort beginnt Veränderung: Nicht im Kampf gegen sich selbst. Sondern im Verstehen dessen, was einen bisher gesteuert hat.

Erkennen. Verändern. Wählen.