
GESCHICHTEN AUS DEM COACHING
Wenn eine Rückmeldung plötzlich
wie Kritik klingt
Wie innere Muster beeinflussen, was wir hören
„Ich verstehe es einfach nicht. Ich versuche wirklich, alles richtig zu machen und trotzdem scheint es manchmal nicht zu reichen.“
Das sagt Martin, als er zu mir ins Coaching kommt.
Martin ist 43 Jahre alt und arbeitet als Führungskraft in einem mittelständischen Unternehmen. Er trägt Verantwortung für ein Team, trifft täglich Entscheidungen und ist jemand, auf den sich andere verlassen können. Wenn Menschen ihn beschreiben, fallen Begriffe wie zuverlässig, engagiert und strukturiert.
Martin ist keiner, der Verantwortung abgibt. Wenn eine schwierige Situation entsteht, übernimmt er sie. Und genau darin liegt auch der Grund, warum ihn sein aktuelles Thema beschäftigt. Denn Martin erlebt seit einiger Zeit, dass Gespräche mit seinem Team nicht immer so verlaufen, wie er es beabsichtigt. Er hat zunehmend den Eindruck, dass seine Reaktionen auf Rückmeldungen anders ankommen, als er sie meint. Das irritiert ihn.
Denn aus seiner Sicht versucht er genau das Gegenteil:
- Er möchte verstehen.
- Er möchte gute Entscheidungen treffen.
- Er möchte eine gute Führungskraft sein.
Sein Gedanke: „Ich bemühe mich doch wirklich. Warum entsteht trotzdem manchmal der Eindruck, dass ich nicht offen bin?“
Eine Rückmeldung, die etwas anderes auslöst
Im Coaching sprechen wir über eine konkrete Situation. Eine Mitarbeiterin hatte ihm eine Rückmeldung gegeben. Nicht als Angriff oder Vorwurf, sondern als Wunsch für eine bessere Zusammenarbeit.
„Ich schätze sehr, dass du Verantwortung übernimmst und Entscheidungen triffst. Ich würde mir wünschen, dass wir bei manchen Themen vorher noch ein bisschen mehr Raum für Austausch bekommen könnten.“
Eigentlich ist es eine wertschätzende Aussage. Martin verarbeitet sie jedoch anders. Er beginnt sofort zu erklären. Er spricht über den Zeitdruck. Über die Verantwortung. Über die Gründe für seine Entscheidung. Er möchte deutlich machen, warum er so gehandelt hat. Für ihn fühlt sich das nicht wie Verteidigung an. Es fühlt sich an wie der Versuch, die Situation richtig einzuordnen.
Doch bei seiner Mitarbeiterin kommt etwas anderes an. Sie wollte nicht zuerst eine Erklärung. Sie wollte mitteilen, was sie sich für die Zusammenarbeit wünscht.
Was ist bei Martin angekommen?
Im Coaching frage ich ihn: „Was hast du aus der Rückmeldung deiner Mitarbeiterin für dich mitgenommen?“ Martin überlegt kurz. „Dass sie sich mehr Austausch wünscht.“
Das ist zunächst eine klare Antwort. Ich frage weiter: „Und was hat diese Rückmeldung bei dir persönlich ausgelöst?“ Martin denkt nach. Dann sagt er: „Dass sie wahrscheinlich denkt, ich beziehe mein Team nicht genug ein.“
Wir bleiben bei diesem Satz, denn genau hier beginnt etwas sichtbar zu werden. Die Mitarbeiterin hat nicht gesagt: „Du beziehst dein Team nicht genug ein.“ Sie hat gesagt: „Ich würde mir wünschen, dass wir bei manchen Themen vorher noch ein bisschen mehr Raum für Austausch bekommen könnten.“
Aus einer Bitte wurde in Martins Wahrnehmung eine Bewertung und aus einem Wunsch wurde eine Kritik. Nicht die Aussage allein löste seine Reaktion aus, sondern die Bedeutung, die diese Aussage für ihn bekam.
Ein Muster zeigt sich
Wir schauen uns nicht nur diese eine Situation an, denn eine einzelne Begegnung kann immer auch eine Ausnahme sein. Ich frage Martin: „Kennst du solche Momente auch aus anderen Gesprächen?“
Nach und nach fallen ihm weitere Situationen ein:
- Ein Mitarbeiter bringt eine andere Perspektive ein.
- Eine Kollegin macht einen Verbesserungsvorschlag.
- Jemand äußert eine Beobachtung zu seinem Führungsverhalten.
Die Situationen sind unterschiedlich, aber ein ähnlicher Ablauf taucht immer wieder auf. Martin nimmt nicht zuerst nur die Information wahr. Er verarbeitet sehr schnell die mögliche Bedeutung dahinter.
NICHT
„Da gibt es eine andere Sichtweise.“
SONDERN
„Vielleicht denken sie, ich mache etwas nicht richtig.“
Und sobald diese Bedeutung entsteht, beginnt sein vertrautes Muster:
- Er erklärt.
- Er ordnet ein.
- Er versucht, Missverständnisse auszuräumen.
Das Muster zeigt sich auch im Coaching
Im Laufe unseres Gesprächs fällt mir etwas auf. Wenn Martin eine Situation beschreibt, erzählt er nicht nur, was passiert ist. Er erklärt auch sofort die Hintergründe:
- Warum eine Entscheidung notwendig war.
- Welche Faktoren berücksichtigt werden mussten.
- Warum es aus seiner Sicht nachvollziehbare Gründe gab.
Zunächst wirkt das wie eine Stärke. Martin denkt differenziert und betrachtet Zusammenhänge. Er möchte fair bleiben.
Dann frage ich ihn: „Was glaubst du, was deine Mitarbeiterin in diesem Moment gebraucht hätte?“ Martin beginnt wieder: „Das ist schwer zu sagen, weil die Situation natürlich komplexer war. Wir hatten damals mehrere Faktoren ...“ Er stoppt kurz.
„Martin, ist dir gerade aufgefallen, was du gemacht hast?“
„Nein.“
„Ich habe dich gerade nicht gefragt, warum deine Entscheidung nachvollziehbar war. Ich habe dich gefragt, was deine Mitarbeiterin möglicherweise gebraucht hätte.“
Eine Pause entsteht. Dann sagt er leise: „Ich bin direkt wieder dahin gegangen, es zu erklären.“
Dieser Moment ist wichtig, denn Martin erlebt sein Muster nicht nur rückblickend. Er erkennt es im Hier und Jetzt. Er verteidigt sich nicht bewusst und versucht auch nicht, Recht zu behalten. Er versucht, eine innere Unsicherheit aufzulösen: „Was denkt mein Gegenüber gerade über mich?“
Woher kommt diese Bedeutung?
Im weiteren Verlauf des Coachings sprechen wir darüber, wie Martin sich selbst schon früh erlebt hat. Dabei geht es nicht darum, eine einzelne Ursache zu finden. Vielmehr schauen wir gemeinsam: Welche Erfahrungen könnten dazu beigetragen haben, dass bestimmte innere Regeln entstanden sind?
Martin beschreibt seine Kindheit als stabil und unauffällig. Es gab keine großen Konflikte oder außergewöhnlichen Belastungen. Aber er erinnert sich daran, dass er häufig als zuverlässig wahrgenommen wurde.
Er war derjenige, der seine Aufgaben erledigte. Derjenige, bei dem man nicht ständig nachfragen musste. Derjenige, auf den man sich verlassen konnte.
„Auf Martin kann man sich verlassen.“
„Er macht das schon.“
„Gut, dass wir ihn haben.“
Diese Sätze waren liebevoll gemeint und vermittelten ihm: Ich kann etwas. Ich werde gesehen. Man vertraut mir.
Kritik spielte in seiner Entwicklung keine große Rolle. Nicht, weil Fehler verboten waren, sondern weil Martin häufig derjenige war, der funktionierte. So entstand über viele Jahre ein stabiles Selbstbild: „Ich bin jemand, der Dinge gut macht.“
Eine Strategie, die lange hilfreich war
Im Coaching schauen wir deshalb nicht nur darauf, was heute schwierig ist. Wir fragen auch: „Wann könnte diese Reaktion einmal sinnvoll gewesen sein?“ Denn jedes Muster erfüllt eine Funktion.
Martin erkennt, dass ihm das Erklären oft geholfen hat:
- Wenn etwas unklar war, konnte er Ordnung schaffen.
- Wenn ein Missverständnis entstand, konnte er es auflösen.
- Wenn jemand etwas anders verstanden hatte, konnte er Zusammenhänge herstellen.
Diese Fähigkeit ist keine Schwäche. Sie ist eine Stärke. Nur manchmal setzt er sie an einer Stelle ein, an der zuerst etwas anderes gebraucht wird: Nicht Erklärung, sondern Verständnis.
Die selbsterfüllende Prophezeiung
Eine Rückmeldung kommt.
↓
Martin hört darin eine mögliche Bewertung seiner Person.
↓
Er beginnt zu erklären, um das Bild wieder richtigzustellen.
↓
Sein Gegenüber fühlt sich weniger gehört.
↓
Die Offenheit im Gespräch nimmt ab.
↓
Martin erlebt: „Ich bekomme nicht die Offenheit, die ich mir wünsche.“
Der Versuch, eine negative Bewertung zu verhindern, trägt unbewusst dazu bei, dass genau diese Dynamik entsteht.
Eine neue Möglichkeit entsteht
Die Veränderung beginnt deshalb nicht damit, dass Martin aufhört, Verantwortung zu übernehmen. Auch nicht damit, dass er seine Kompetenz versteckt. Seine Stärke bleibt bestehen.
Was sich verändert, ist ein kleiner, aber entscheidender Schritt. Bevor er reagiert, überprüft er: Habe ich wirklich verstanden, was mein Gegenüber sagen möchte?
Statt sofort zu erklären, übt er Fragen wie:
„Was genau meinst du damit?“
„Was wäre für dich in dieser Situation hilfreich gewesen?“
„Habe ich dich richtig verstanden, dass es dir vor allem um mehr Austausch geht?“
Damit entsteht ein neuer Raum zwischen dem Gesagten und seiner Reaktion. Eine Rückmeldung ist zunächst nur eine Information. Die Bedeutung entsteht in uns. Manchmal reagieren wir nicht auf das, was ein anderer Mensch gesagt hat, sondern auf das, was wir daraus gemacht haben.
Genau dort lohnt sich ein Blick unter die Oberfläche. Veränderung beginnt manchmal nicht damit, anders zu handeln, sondern damit, genauer hinzuhören.
Unter der Oberfläche: wo Verstehen beginnt