GESCHICHTEN AUS DEM COACHINGPROZESS
Wenn eine Stärke
zu viel Verantwortung
übernimmt
Ein Coachingprozess über Perfektionismus, Anerkennung und die Angst, nicht gut genug zu sein

Damit ihre Geschichte greifbar bleibt und ihre Privatsphäre geschützt ist, nennen wir sie in diesem Journal Frau S.
Frau S. hatte schon länger darüber nachgedacht, sich Unterstützung zu holen. Eine Freundin hatte ihr von meinem Coaching erzählt und irgendwann vorsichtig gesagt: „Vielleicht wäre es gut, wenn du einmal mit jemandem darüber sprichst.“
Zunächst fühlte sich dieser Gedanke für Frau S. ungewohnt an, fast ein wenig befremdlich. Denn sie war es gewohnt, Dinge selbst zu lösen. Sie war diejenige, die Verantwortung übernahm, die Herausforderungen meisterte und auch dann einen Weg fand, wenn es schwierig wurde. „Eigentlich habe ich doch immer alles alleine hinbekommen“, sagte sie später.
Und genau das stimmte. Frau S. hatte über viele Jahre erlebt, dass sie sich auf sich verlassen konnte. Sie hatte Ziele erreicht, Verantwortung übernommen und sich etwas aufgebaut. Vielleicht war genau deshalb der Schritt ins Coaching zunächst so ungewohnt: Unterstützung anzunehmen passte schlicht nicht zu dem Bild, das sie von sich selbst hatte.
Als Frau S. schließlich zum ersten Mal in meinem Coaching sitzt, erzählt sie von einer Frage, die sie schon länger begleitet:
„Warum kann ich eigentlich nie einfach zufrieden sein?“
Frau S. ist 39 Jahre alt und steht mitten im Leben. Sie ist beruflich erfolgreich, übernimmt Verantwortung und wird von anderen als zuverlässig, engagiert und gewissenhaft beschrieben. Sie ist jemand, auf den andere zählen können - und genau diese Eigenschaften schätzt sie auch an sich selbst. „Ich mag es, wenn Dinge gut gemacht sind“, sagt sie. „Ich mag es, wenn ich mich auf mich verlassen kann.“
Ihr hoher Anspruch war schließlich nicht immer eine Belastung. Im Gegenteil: Er war lange Zeit eine große Stärke. Er hat ihr geholfen, Ziele zu erreichen, hat ihr Orientierung gegeben und dazu beigetragen, dass andere ihr vertrauen. Ihr Perfektionismus war also nichts, das wir einfach loswerden mussten. Die entscheidende Frage war eine andere: Wann unterstützt dieser Anspruch sie und wann beginnt er, sie zu steuern?
Denn irgendwann hatte sich etwas verändert. Nicht plötzlich oder durch ein einzelnes Ereignis, sondern langsam über die Jahre. „Ich merke, dass ich nicht mehr richtig abschalten kann“, erzählt Frau S. Sie beschreibt Situationen, die nach außen kaum auffallen: Eine Aufgabe ist abgeschlossen, eine Präsentation ist vorbereitet, eine Entscheidung ist getroffen. Doch innerlich beginnt eine erneute Prüfung.
„Habe ich wirklich an alles gedacht?“
„Ist das gut genug?“
„Hätte ich es noch besser machen können?“
Manchmal kontrolliert sie Dinge mehrfach, manchmal fällt es ihr schwer, Verantwortung abzugeben. Nicht, weil sie anderen grundsätzlich nichts zutraut, sondern weil ein Teil von ihr gelernt hat, dass Sicherheit entsteht, wenn alles möglichst gut vorbereitet und kontrolliert ist. „Das Schwierige ist nicht, dass ich hohe Ansprüche habe“, fasst sie es zusammen. „Das Schwierige ist, dass ich manchmal nicht mehr merke, wann es genug ist.“
Die erste Spur: Was steckt hinter dem Perfektionismus?
Im Coaching schauen wir deshalb nicht zuerst darauf, wie Frau S. weniger perfektionistisch werden kann. Denn darum geht es nicht. Perfektionismus an sich ist keine Schwäche. Ein hoher Anspruch kann etwas Wertvolles sein: er kann Menschen sorgfältig machen, verlässlich und engagiert.
Die Frage ist nicht: Wie wird Frau S. weniger perfektionistisch? Sondern: Welche Aufgabe übernimmt dieser Perfektionismus für sie?
Gemeinsam betrachten wir konkrete Situationen aus ihrem Alltag. Nicht nur das sichtbare Verhalten, sondern auch das, was darunter passiert: Was löst den Druck aus? Welche Gedanken entstehen? Welche Bedeutung bekommt die Situation und wovor versucht sie sich möglicherweise zu schützen?
Mit der Zeit erkennt Frau S. ein Muster. Wenn etwas nicht perfekt ist, entsteht nicht nur der Gedanke: „Das hätte besser laufen können.“ Es entsteht etwas Tieferes - die Sorge: „Vielleicht bin ich dann nicht gut genug.“
In einer Sitzung erzählt sie von einer Situation, in der sie eigentlich wusste, dass ihre Arbeit gut war. Trotzdem blieb dieses Gefühl. „Ich hatte Angst, dass andere merken könnten, dass ich vielleicht doch nicht so kompetent bin, wie sie denken.“
Ich frage sie:
„Und wenn jemand dich nicht kompetent finden würde - was würde das für dich bedeuten?“
Frau S. wird still. Nach einer Weile sagt sie leise:
„Vielleicht wäre ich dann nicht mehr jemand, den man wirklich schätzt.“
Dieser Satz verändert etwas. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um Leistung, nicht nur um eine Aufgabe oder um Qualität. Es geht um die Bedeutung dahinter. Um die Frage: Bin ich auch dann noch wertvoll, wenn ich nicht alles perfekt mache?
Wie dieses Muster entstanden ist
Im weiteren Verlauf unserer gemeinsamen Arbeit schauen wir nicht nur darauf, was heute passiert. Wir schauen auch darauf, wie diese innere Logik entstanden sein könnte. Denn solche Überzeugungen entwickeln sich selten durch einen einzelnen Moment; sie erwachsen aus vielen Erfahrungen im Laufe eines Lebens.
Als mittleres von drei Geschwistern lernte Frau S. schon früh, sich ihren eigenen Platz zu suchen. Sie beschreibt sich als ein Kind, das Verantwortung übernahm, sich bemühte und Dinge richtig machen wollte. Sie erinnert sich daran, dass sie besonders viel Anerkennung bekam, wenn sie etwas gut geschafft hatte, wenn sie zuverlässig war oder wenn andere stolz auf sie waren.
Dabei geht es nicht darum, dass ihre Eltern ihr keine Liebe gegeben hätten, denn Frau S. beschreibt ihre Familie als durchaus liebevoll. Aber Kinder versuchen, ihre Welt zu verstehen. Sie fragen nicht bewusst: „Was muss ich tun, damit ich geliebt werde?“, sondern erleben vielmehr: Wann werde ich gesehen? Wann bekomme ich Anerkennung? Wann spüre ich, dass ich wichtig bin?
Über viele Erfahrungen hinweg kann daraus eine feste innere Verbindung entstehen:
Wenn ich leiste, wenn ich Dinge besonders gut mache und Erwartungen erfülle, dann bekomme ich Anerkennung. Dann habe ich meinen Platz. Dann bin ich wertvoll.
Wenn eine alte Strategie weiterläuft
Im Gespräch über diese Zeit wird etwas Wichtiges sichtbar. Frau S. musste ihren Platz als Kind finden und lernen, wie sie gesehen wird. Leistung war eine Strategie, die für sie hervorragend funktioniert hat. Sie hat ihr geholfen, sich sicher und wertvoll zu fühlen.
Doch die Situation von damals existiert heute nicht mehr. Frau S. muss ihren Platz nicht mehr verdienen. Sie muss nicht mehr beweisen, dass sie besonders ist, und sie steht nicht mehr im Wettbewerb darum, gesehen zu werden. Und trotzdem reagiert ein Teil von ihr manchmal noch so, als wäre diese alte Aufgabe weiterhin aktuell. Nicht bewusst oder weil sie es möchte, sondern weil diese innere Regel über viele Jahre gewachsen ist:
„Ich muss etwas leisten, um wertvoll zu sein.“
Diese Regel war lange Zeit hilfreich. Sie gab Frau S. Motivation, half ihr durch Herausforderungen und machte aus ihr eine leistungsfähige, verantwortungsvolle Erwachsene. Doch irgendwann wurde aus einer flexiblen Strategie ein starres Muster.
„Ich möchte etwas gut machen“ wurde: „Ich muss es richtig machen.“
„Ich übernehme Verantwortung“ wurde: „Ich darf keinen Fehler machen.“
Der Versuch, Anerkennung zu sichern, führte dazu, dass sie immer mehr kontrollieren musste. Denn wenn Perfektion die Voraussetzung dafür ist, sich wertvoll zu fühlen, bekommt jeder mögliche Fehler eine bedrohliche Bedeutung.
Veränderung bedeutet nicht, eine Stärke loszuwerden
Ein wichtiger Wendepunkt entsteht, als Frau S. sagt: „Ich dachte immer, ich müsste meinen Perfektionismus loswerden.“ Sie lächelt. „Aber eigentlich möchte ich das gar nicht.“
Und genau darum geht es auch nicht. Ihr Anspruch darf bleiben. Ihre Genauigkeit darf bleiben. Ihr Wunsch, Dinge gut zu machen, darf bleiben. Die Veränderung liegt an einer anderen Stelle: Nicht mehr automatisch glauben zu müssen, perfekt sein zu müssen, um wertvoll zu sein, sondern erleben zu können, auch dann wertvoll zu sein, wenn nicht alles perfekt ist.
Neue Erfahrungen verändern alte Muster
Um diese neue Erkenntnis greifbar zu machen, verbleiben wir nicht in der Theorie. Gemeinsam definieren wir kleine, bewusste Verhaltensexperimente für ihren Alltag: mutige Mikroschritte, um den alten Automatismus gezielt zu unterbrechen.
Frau S:
Sie gibt eine Aufgabe ab, ohne sie noch einmal nachzukontrollieren.
Sie verschickt eine Nachricht, ohne jede Formulierung wieder und wieder zu überprüfen.
Sie hält das kurze Gefühl von Unsicherheit aus, ohne sofort zu versuchen, es durch erneute Prüfung aufzulösen.
In einer späteren Sitzung sagt sie:
„Es fühlte sich im ersten Moment fast falsch an. Aber dann merke ich: Die Welt dreht sich weiter. Und ich werde trotzdem akzeptiert.“
Genau diese Momente sind entscheidend. Denn alte Überzeugungen verändern sich nicht nur dadurch, dass wir sie verstehen. Sie verändern sich dadurch, dass wir neue, korrigierende Erfahrungen machen. Frau S. erlebt Schritt für Schritt:
Ich kann Fehler machen und bleibe trotzdem wertvoll. Ich muss meinen Wert nicht jeden Tag neu beweisen.
Was unter der Oberfläche sichtbar wurde
Am Ende dieser gemeinsamen Arbeit geht es nicht darum, dass Frau S. weniger sorgfältig wird oder ihre Ansprüche verliert. Sondern darum, dass sie wieder wählen kann:
Wann möchte sie etwas besonders gut machen? Wann reicht es einfach aus? Wann kommt ihr Anspruch aus Freude, Interesse und Engagement und wann wird er von einer alten inneren Regel angetrieben?
Veränderung bedeutet nicht immer, einen Teil von sich loszuwerden. Manchmal bedeutet Veränderung, wieder frei entscheiden zu können.